WARTEN MIT GODOT

Teil zwei der Reihe "Die Zentrale Intelligenz Agentur entdeckt totgeglaubte Kulturformen": Nachdem die ZIA 2008 das Radio gerettet hat, wird 2010, genauer: am Dienstag, dem 18. Mai um 20 Uhr, am Nationaltheater Mannheim die szenische Lesung des ersten ZIA-Theaterstücks "Warten mit Godot" stattfinden. Ein rasanter Ritt durch 2.000 Jahre Bühnengeschichte, gerade theaterfernen Schichten zu empfehlen.

"Es ist noch niemand so weit gegangen. 'Warten mit Godot' ist so sehr allem bis anhin Gesehenen voraus, dass es streng genommen unmöglich ist, ihm mit deutenden oder auch nur beschreibenden Worten nachzukommen. Eine Küche, ein Kartenspiel, das ist die ganze Szenerie von Anfang bis Ende. Vier Personen verbringen hier die Zeit – mit nichts. Sie heissen Godot, Bernd, Bernd und Bernd. Godot ist eigentlich mit den beiden Landstreichern Wladimir und Estragon verabredet, irgendwo auf einer Landstrasse an einem Baum. Aber die geschwätzigen Bernds und das auf ewige Fortsetzung drängende Kartenspiel erschweren seinen Aufbruch. Zwischendurch taucht Kasimir Blanko auf, ein reicher, blühend selbstgefälliger Herr, der einen Vortrag voll kluger Prophezeiungen verfassen muss. Währenddessen geht das Spiel weiter seinen Gang und man ahnt, Godot wird sich niemals losreissen können.

Was aber schon in einer solchen Zusammenfassung unmittelbar ins Auge springt, das ist die grosse Einfachheit und Reinheit der dramatischen Struktur. Die klassische Einheit von Ort, Zeit und Handlung wird gewahrt. Was aber hat Godot mit diesen Bernds zu tun und wer ist er? Keine einzige der möglichen Deutungen ist ihm erspart geblieben. Es hiess, er sei Gott, wie es ja die erste Silbe seines Namens sage. Es hiess auch, er bedeute den Tod – aber man würde mit gleichem Recht auch sagen, er bedeute das Leben. Von all dem kommt jedoch im Spiel nichts zur Sprache, es bleibt wunderbar konkret wie ein Kasperletheater für Kinder: Godot ist und bleibt ein Wesen, das zwei Vaganten an einem Strassenrand erwarten und das aber lieber mit den Bernds beim Kartenspiel in der Küche abhängt.

Das Drama ist, dass die Zeit vergehen muss und dass man wach bleiben sollte. Und alles, was sich auf der Bühne zuträgt, das sind die Formen dieses Wachseins – Karten spielen, Bier trinken, über Dinge reden. Und darum ist das Stück lustig, ja man möchte es sogar ein Meisterwerk des Humors nennen. Der Humor der ZIA bleibt nicht auf die belanglosen Bezirke des Lebens beschränkt, sondern durchläuft den ganzen Raum von Leben und Tod, und er tut dies nicht als eine Beigabe, vielmehr als die unmittelbare Gegenseite des Tragischen."

(Gerda Zeltner in der Neuen Zürcher Zeitung vom 10. März 1953)

Philipp Albers, Michael Brake http://riesenmaschine.de/index.html?nr=20100514163605

Nachtkritik über das Werkstattgespräch

Esther Boldt hat bei Nachtkritik vom Werkstattgespräch und der Diskussion zum vorgestellten Stückauszug berichtet:

Und prompt hebt eine große Debatte an darüber, ob und wo es dem Text an Tiefe fehle, wie viel Alltag auf der Bühne zu ertragen sei und wann die Situationskomik wahlweise in Kindertheater, Studentenscherz oder Kabarett kippe. Auch Dramaturg Brux (Zeitgeist! Oberflächenproduktion! Intelligente Abbildung der Leere der Gegenwart!) und Intendant Kosminski ("Jetzt sehen Sie mal, wie unsere Dramaturgiesitzungen so ablaufen!") melden sich zu Wort. Erregt und engagiert artet die Veranstaltung aus, und man möchte von der Rückbank konstatieren: Hut ab für dieses gelungene Ablenkungsmanöver in aller Scheinöffentlichkeit! Ironie- und Verschleierungstaktiken sind voll aufgegangen.

Den kompletten Bericht gibt es hier

Auftragswerk: Lorem ipsum - Werkstattgespräch am 19.2.

Die Zentrale Intelligenz Agentur gibt einen Einblick in die Entstehung des Erfolgsstücks der Saison, an dem sie seit Beginn der Spielzeit arbeitet. In einer szenischen Lesung werden Auszüge aus dem Text vorgestellt, anschließend diskutieren  Dramaturgen des NT Mannheim und Vertreter der ZIA, was Neue Dramatik für das Theater von heute leisten sollte. Mit an Bord ist der Verlag schaefersphilippen, dessen Autoren 2009 fast alle großen Preise der Wettbewerbe zur Neuen deutschen Dramatik gewannen. Ein Abend mit frischen Texten und neuen Ideen, wie Erfolg und Autorenschaft in Zeiten von Web 2.0 funktionieren könnten.

Mit Philipp Albers und Sebastian Sooth von der Zentralen Intelligenz Agentur, Thorsten Danner (Schauspieler), Ulrike Syha (Hausautorin), Jan-Philipp Possmann (Dramaturg) vom Nationaltheater Mannheim. 19.2. - 20:00 Uhr Werkhaus

"Kompetenz in Sachen Kreativität"

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Die Ankündigung zu Auftragswerk: Lorem ipsum (UA)Teil 1: Der Pitch am 14.10. im Theater Magazin NT Mannheim

 

Nationaltheater Mannheim und die Zentrale Intelligenz Agentur geben erste Zusammenarbeit bekannt: "Auftragswerk: Lorem ipsum"

Die deutsche Uraufführungsszene ist ein hochkompetitiver Markt, der unter starkem Innovationsdruck steht. In jeder Spielzeit werden mehr als 500 Stücke ur- oder erstaufgeführt, nicht zu vergessen diverse Film- und Romanadaptionen. Sich in diesem Umfeld mit neuen Ideen und einem genuinen USP zu positionieren stellt eine große Herausforderung dar. Die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA) aus Berlin wurde deshalb vom Nationaltheater Mannheim beauftragt, ausgehend von einer semi-semiometrischen Analyse der gegenwärtigen deutschen Theaterlandschaft ein Erfolgsstück zu entwickeln.

Das Projekt, dass unter dem Codenamen "Auftragswerk: Lorem ipsum" läuft, verzichtet auf den Genius des Einzelautors und bedient sich stattdessen der Schwarmintelligenz und avancierter Techniken der Markenführung, um unter den veränderten Bedingungen des Kulturbetriebs einen gesellschaftspolitisch relevanten Stoff zur Marktreife zu entwickeln und erfolgreich zu platzieren.

"Wir fragen professionelle Literaturdienstleister, denn darum handelt es sich bei der ZIA, wie in Zeiten von Web 2.0 und Google die Zukunft des Autors aussieht." erklärt Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski. 

Am 14. Oktober wird die ZIA mit dem Modul "Der Pitch" einen ersten Einblick in die Analyse-Ergebnisse geben. Auftraggeber und Publikum werden drei Stückvorschläge vorgestellt und szenisch umrissen. Unter Mitwirkung der identifizierten Zielgruppe   Publikum wird bis Mai 2010 eine spielfertige Fassung entwickelt und zur Aufführung gebracht.

Das fertige Stück soll sich inhaltlich eines aktuellen gesellschaftspolitischen Themas annehmen. Genauers ist noch nichts bekannt. Ein Agent der ZIA ließ im Interview lediglich verlauten, dass man auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen werde, ohne konkrete Vorschläge zu ihrer Behebung zu formulieren.

Auftragswerk: Lorem ipsum (UA)

Die Mannheimer waren schon immer clever und pragmatisch: Ihre Stadt ist quadratisch angelegt, und Popmusik wird an der Akademie gelehrt. Warum also nicht auch die Literatur endlich mal in die Hände professioneller Dienstleister legen, die mit genauen Zielmargen und unter Einsatz modernster Technik pünktlich und zuverlässig liefern? Art on demand: Die Zentrale Intelligenz Agentur (kurz ZIA) beliefert seit mehreren Jahren Feuilleton und Literaturbetrieb mit cleveren Subversionen und nützlichen Texten, eben mit allem, was der Betrieb braucht. Spätestens seit ihrem Coup beim Klagenfurter Literaturwettbewerb 2006, als Agentin Kathrin Passig mit einer maßgeschneiderten Kurzgeschichte den renommierten Bachmann-Preis abräumte, infiltriert die ZIA alle Bereiche der Kultur. Alle Bereiche? Fast alle. Nur die
jahrhundertealte Bastion des Theaters haben die Agenten noch nicht eingenommen. Das ist das nächste große Ding!

Für das Nationaltheater wird die Zentrale Intelligenz Agentur ein Erfolgsstück schreiben. Nichts weniger als das Stück der Saison! In mehreren Veranstaltungen präsentiert die ZIA ab Herbst 2009 den Fortgang des Projekts live in Mannheim und lässt das Publikum an der Entstehung des Werks teilhaben. Im Mai 2010 gibt es dann die Premiere.
Das Projekt reflektiert so die Bedingungen künstlerischen Arbeitens und unsere Erwartungen an die Kunst als Spiegel authentischer Lebenswelt. Sieht so die Zukunft des Theaters aus?

http://www.nationaltheater-mannheim.de/schauspiel/stueck_details.php?SID=577